Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 18.10.2009
Zhou, X,. Q. Guo & H. Dai (2009): Molecular
characterization and expression profiles in response to bacterial infection of
Chinese soft-shelled turtle interleukin-8 (IL-8), the first reptilian chemokine
gene. – Developmental & Comparative Immunology 33 (7): 838-847.
Molekulare Charakterisierung und die Expressionsprofile
von chinesischen Weichschildkröten Interleukin-8 (IL-8) als Antwort auf
eine bakterielle Infektion: Das erste Reptilien-Chemokin-Gen
In dieser Studie klonierten und identifizierten wir erstmals ein IL-8 homologes
Chemokin in einer Chinesischen Weichschildkröte. Die volle Länge der
cDNS des Schildkröten-IL-8 beträgt 1188bp und enthält einen 312bp
offenen Leserahmen (ORF), der für ein Protein mit 104 Aminosäuren
kodiert. Die Chemokin CXC Domäne, die ein Glu-Leu-Arg (ELR) Motif sowie
vier Cysteinreste enthielt, war im Schildkröten-IL-8 hochgradig
konserviert. Die 4924bp umfassende genomische DNS des Schildkröten-IL-8
enthält vier Exons und drei Introns. Die phylogenetische Analyse zeigt,
dass die Aminosäuresequenz des Schildkröten-IL-8 ein Cluster mit dem
aus Vögeln bildet. RT-PCR Analysen zeigten, dass Schildkröten-IL-8
mRNA konstitutiv in Leber, Milz, Niere, Herz, Blut und im Darm von
Kontrollschildkröten exprimiert wird. Die quantitative Echtzeit-PCR-Analyse
ließ zudem erkennen, dass Schildkröten-IL-8 mRNA Expression in
unterschiedlichen Geweben acht Stunden nach einer Infektion mit
Aeromonas
hydrophila nachweisbar war und dass es zwischen 8 Stunden und 7 Tagen zu
einer signifikanten Hochregulation kam. Die derzeitigen Studien helfen uns, die
Evolution des IL-8-Moleküls und die inflammatorischen Reaktionsmechanismen
in Reptilien zu verstehen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Siehe Kommentar zu
Huang et al. (2009). Zudem zeigt
diese Arbeit, auch wenn es nicht extra angesprochen wird, dass IL-8 ein Protein
ist, das wie bei uns Menschen bei Infektionserkrankungen benötigt und hoch
reguliert wird, da es bei der Immunabwehr eine wichtige Funktion hat. Wer also
nun immer noch der Meinung ist, man müsse gerade noch wachsende Jungtiere
„großhungern“ und ihnen die Aminosäure sprich
Proteinquellen beschneiden, wo es nur irgendwie geht, der sollte sich nicht
wundern, dass irgendwann eine Infektionserkrankung durchschlägt und zu
Verlusten führt. Ein Umstand, der oft vergessen wird, denn bei vielen ist
Jungtieraufzucht oft schon mit Massentierhaltung vergleichbar (viele
Schlüpflinge auf engem Raum) und da wir alle nur – wenn
überhaupt – bestenfalls semisteril arbeiten können, sind
Infektionsgefahren und ein gewisses Maß an Stress meist latent vorhanden.
Nicht zu vergessen: jede Immunreaktion beruht auf Proteinbiosynthese, dazu sind
RNA-Synthese (Purinbasen) und Aminosäureverfügbarkeit eine
Grundvoraussetzung. Schildkröten, die dazu keine Reserven haben,
können nur eine schwache Immunantwort aufbauen, wenn eine Infektion
erfolgt. Da sie nach Ausbruch der Erkrankung auch meist lethargisch werden und
nur noch schlecht fressen, lässt sich ein Mangel, der den Ausbruch von
Infektionen begünstigte, nur schwer ausgleichen. Da fragt man sich
manchmal, warum reicht es bei manchen Schildkröten schon, wenn man ein
Immunstimulanz wie Zylexis oder Baypamun gibt? Denn bei dem, was man da
letztendlich spritzt, handelt es sich ja meist um eine Proteinmischung, die zwar
das Abwehrsystem stimulieren soll, die aber gleichzeitig auch Protein und damit
Aminosäuren liefert, die die Tiere zum Beispiel zur eigenen Protein- und
z.B. Cytokin- und Antikörpersynthese nutzen können. Da stellt sich die
Frage, ob sie überhaupt erkrankt wären, wenn sie von Anfang an einen
ausgewogenen Protein- bzw. Aminosäurepool in der Nahrung gehabt
hätten? Man kann viel über Krankheitsprävention diskutieren, aber
für mein Dafürhalten ist die beste Prävention immer noch eine
ausgewogene Ernährung, die sich an dem orientiert, was wirklich von den
Schildkröten in ihrem natürlichen Lebensraum genutzt wird. Als
Beispiele dazu siehe
El Mouden et al. (2006),
Walde et al. (2006),
Rouag et al. (2009) und deren Integration in ein
entsprechendes Fütterungskonzept (
Bidmon
2006). Siehe auch Kommentare zu
Hazard et al.
(2009) &
Russell & Balazs (2009).
Manchmal hört man ja auch Kritik von einigen, die da meinen, dass das, was
hier kommentiert ist, nichts Neues darstellt, und man könnte es auch bei
Wikipedia nachschlagen. Ich gebe diesen Kritikern sogar Recht! Allerdings, wenn
alle die da meinen, ihre Kritik sei angebracht, einmal eines der aktuellsten
Lehrbücher zur Reptilienmedizin (z. B.
Mader
2006) zur Hand nehmen würden, könnten sie unschwer feststellen, dass
viele gute Veterinäre dort immer wieder hervorheben, dass insbesondere
für herbivore Reptilien häufig ein Mangel an schwefelhaltigen
Aminosäuren zu beobachten ist. Wenn sich diese Kritiker dann noch die
Mühe machen würden, bei Wikipedia nachzuschauen, wie viele
schwefelhaltige Aminosäuren zum Aufbau nur eines Immunglobulins vom IgG Typ
benötigt werden oder wie viele Aminosäuren mit
Disulfidbrückenbildung zum Aufbau eines hochmolekularen Antikörper vom
IgM Typ (
Hunter et al. 2008) notwendig sind, frage
ich mich ernsthaft, warum sie nicht langsam anfangen, ihre Argumente zur
Ernährung von Schildkröten diesem Erkenntnisstand anzupassen?
Literatur
Bidmon, H.-J. (2006): Die Aufzucht und
Ernährung Europäischer Landschildkröten – Grundlagen und
Rezepte, Futtermittel und Zusatzstoffe. – S. 117-136 in:
Daubner, M. & T. Vinke (Hrsg.): Testudo –
häufig gehaltene Arten –
Schildkröten im Fokus Sonderband.
– Bergheim (dauvi-Verlag).
El Mouden, E. H., T. Slimani, K. Ben Kaddour, F. Lagarde,
A. Ouhammou & X. Bonnet (2006):
Testudo graeca graeca
feeding ecology in an arid and overgrazed zone in Morocco. – Journal of
arid Environments 64 (3): 422-435 oder
Schildkröten im Fokus 2-2006.
Hazard, L. C., D. R. Shemanski & K. A. Nagy
(2009): Nutritional Quality of Natural Foods of juvenile Desert Tortoises
(
Gopherus agassizii): Energy, Nitrogen, and Fiber Digestibility.
– Journal of Herpetology 43 (1): 38-48 oder
WiF-Archiv.
Huang, Y., X. Huang, H. Liu, J. Gong, Z. Ouyang, H. Cui,
J. Cao, Y. Zhao, X. Wang, Y. Jiang & Q. Qin (2009): Complete sequence
determination of a novel reptile iridovirus isolated from soft-shelled turtle
and evolutionary analysis of Iridoviridae. - BMC Genomics 10 (1): 224 oder
WiF-Archiv.
Hunter, K. W. Jr., S. A. Dupré, T. Sharp, F. C.
Sandmeier & C. R. Tracy (2008): Western blot can distinguish natural
and acquired antibodies to Mycoplasma agassizii in the desert tortoise
(
Gopherus agassizii). – Journal of Microbiological Methods 75
(3): 464-471 oder
WiF-Archiv.
Mader, D. R. (Ed.), (2006) Reptile Medicine and
Surgery. 2nd Edition. – St. Louis (Saunders Elsevier), 1242 S.
Russell, D. F. & G. H. Balazs (2009): Dietary
Shifts by Green Turtles (
Chelonia mydas) in the Kane'ohe Bay Region of
the Hawaiian Islands: A 28-Year Study. – Pacific Science 63 (2): 181-192
und
WiF-Archiv.
Rouag, R., C. Ferrah, L. Luiselli, G. Tiar, S. Benyacoub,
N. Ziane & E. H. El Mouden (2008): Food choice of an Algerian
population of the spur-thighed tortoise, Testudo graeca. – African Journal
of Herpetology 57 (2): 103-113 oder
Schildkröten im Fokus 3-2009.
Walde A., M. L. Harless, D. K. Delaney & L. L.
Pater (2006):
Gopherus agassizii (Desert Tortoise) diet. –
Herpetological Review 37(1): 77-78 oder
WiF-Archiv.
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